Freitag, 31. März 2006
 
Kundenmeinung nicht erwünscht
Ob ein Unternehmen hält was es verspricht, das herauszufinden gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man testet es selbst, oder aber man erkundigt sich bei Leuten die es schon getestet haben.
In Zeiten des Internet ist es kein Problem, eine Meinung über fast jedes Unternehmen zu finden - wozu gibt es sonst Suchmaschinen? Die meisten Firmen finden sich auch damit ab, daß man auch negative Stimmen findet, manchen sollen sie sogar gelesen und sich zu Herzen genommen haben.

Nicht zu Herzen genommen hat sich die Firma Flyerpilot auf jeden Fall den Blogbeitrag von Hessi, der sich im Januar darüber ärgerte, daß er nach Ausbleiben einer Lieferung noch nicht mal jemanden von der Servicehotline hätte erreichen können. Denn in den Kommentaren sammelten sich die Meinungen weiterer Flyerpilot- Kunden, die dazu rieten, lieber einen anderen Druckdienst zu beauftragen.

Nun besteht ja (noch) das Recht auf freie Meinungsäußerung, und Firmen steht hierzulande mitnichten eine wohlwollende Bewertung ihrer Dienstleistungen zu - so sollte also alles korrekt sein. Leider waren aber ein paar der abgegebenen Meinungen wohl unter aller Kanone, was die Flyerpiloten nicht etwa dazu veranlaßte, den Hessi auf diese bösen Einträge hinzuweisen - nein, dann wären ja die seriösen schlechten Meinungen noch da. Da muß dann schon die große Kanone her: die Abmahnung. Mit einem Streitwert von sagenhaften 250 Mille (warscheinlich der Wert der gesamten Klitsche samt Chef- BMW) und einer entsprechend hoch dotierten Abmahnstrafe soll das Ziel erreicht werden: Ruhigstellung durch Erzeugen von finanziellen Risiken.

Dabei liest sich das Abmahnschreiben selbst, das Hessi auszugsweise zitiert, wie eine wahre Stilblüte eines Menschen, der das Internet noch nicht mal ansatzweise verstanden hat. So wird ihm unterstellt, sich bei Google ein hohes Ranking 'beschafft' zu haben, nur um darunter Schmähkritik zu Flyerpilot zu sammeln.
Zusätzlich hat er laut dem Schreiben einen intelligenten Algorithmus hinter seinem Blog laufen, der positive Berichte direkt ans Ende der Kommentare einsortiert.

Daß das der blanke Unsinn ist, muß selbst dem Anwalt, wenn er sich denn überhaupt ins böse fremde Internetz gewagt hat um den Blogeintrag samt Kommentaren zu sichten, aufgefallen sein.
Google bietet keinen käuflichen noch sonstwie zu erwerbenden Service an, sein Ranking zu verbessern, die Kommentare sind streng chronologisch sortiert und bereits der (aktuell) erste Kommentar lobt den Dienst. Daß danach überwiegend negative Berichte folgen, könnte folglich auch einfach daran liegen, daß Flyerpilot einen Scheiß Service hat - oder aber die zufriedenen Kunden kommentieren woanders.

Wie das Ganze weitergeht wird sich zeigen. Heute läuft die gesetzte Frist zur Unterzeichnung einer (aufgrund von unmöglichen Forderungen nicht zu leistenden) Unterlassungserklärung ab.

Wenn ich mir etwas drucken lassen möchte, werde ich auf jeden Fall lieber einen Anbieter aussuchen, der sich über meine Meinungsäußerung freut. Und die Firma Flyerpilot wird wohl demnächst ihren Anwalt abmahnen müssen, denn was der durch sein Schreiben geschäftsschädigenderweise angerichtet hat, wird sich nicht so schnell ausbügeln lassen. Abmahnungen sind so ziemlich das Unhöflichste, was man einem Internetuser antun kann und Firmen die abmahnen sind, nicht zu Unrecht, sehr unbeliebt. Wenn als beim tieffliegenden Flyerpiloten die Aufträge ausbleiben, liegt es nicht allein daran, daß sich die negativen Kritiken häufen.

Drüber gefallen dank Frau Bonafide und le bufflon

Edit: Inzwischen darf man entwarnen.
 

 
Meine Hochachtung.

Ich habe die Abmahnwelle heute mit einem Freund diskutiert. Dabei kam die Frage auf, warum von Firmenseite überhaupt derartig unhöflich auf Kritik reagiert - und gleich scharf geschossen - wird. Das Problem wird sein, dass Blogs eine neue Thematik sind, derer sich die Unternehmen hilflos ausgeliefert fühlen.
Es gibt keine Standards, wie man auf Kritik von Userseite reagieren könnte und welche Möglichkeiten der Intervention es vielleicht gäbe. Die Unwissenheit um die Materie und die rasende Verbreitung, Vernetzung etc. - da fühlen sich Einige vielleicht unter Zugzwang gesetzt, oder so. Eine Hypothese.
 
 
Natürlich sind Unternehmen eine solche Form der Kritik nicht gewohnt - bisher hatten sie ja alle öffentlichen Kommunikationsformen die mehr als 10 Leute gleichzeitig ansprechen konnte gut im Griff - Es wäre wohl kaum einem unzufriedenen Kunden eingefallen, Sendezeit bei RTL zu kaufen um vor den Geschäftspraktiken oder der Produktqualität eines Händlers zu warnen.